
Wozu ist ein Anker am Schiff da? Nicht, wie viele vermuten, um ein Schiff im Sturm zu schützen. Das beweist das Beispiel des Segelschiffs Thomas W. Lawson, das 1907 vor der englischen Küste in einem schweren Sturm untergegangen ist. Zuerst riss die vordere Ankerkette, dreißig Minuten später die hintere. Die Wellen warfen das Schiff gegen die Felseninsel Shag Rock, der Rumpf brach und das Schiff sank. Heute ist das Wrack eine Attraktion für Taucher.
Der Sinn eines Ankers ist ein anderer: Er hält ein Schiff auf der Stelle und verhindert, dass es abtreibt. Ohne Anker müssten ständig die Maschinen laufen, um es gegen Strömung und Wind auf der Stelle zu halten.
Dieses Bild greift der Hebräerbrief auf und deutet es geistlich:
Die Hoffnung haben wir als einen sicheren und festen Anker unsrer Seele. (Hebräer 6,19)
Der Anker wird ausgeworfen und setzt sich am Grund fest. Der Halt entsteht also außerhalb des Schiffes, nicht innerhalb. So ist es auch mit unserem Leben: Wir suchen meist Halt in uns selbst. So bekommen wir es auch gesellschaftlich beigebracht: gute Bildung, Fleiß und harte Arbeit sind innere Werte, die zu einem guten Leben führen. Da ist natürlich etwas Wahres dran. Aber es ist nicht alles. Auch geistlich nicht: Der Kern des Glaubens ist nicht moralische Stärke, ein religiös einwandfreies Leben oder Zweckoptimismus, sondern die Rettung von außen. Es reicht aus, den Glauben wie einen Anker auszuwerfen und sich in der unsichtbaren Realität Gottes festsetzen zu lassen: Wir sind Gerettete in einer Welt des Verlorenseins. Ohne den Glauben müssten wir die Maschinen unserer Seele ständig mobilisieren, um nicht abgetrieben zu werden. Das ist auf Dauer sehr anstrengend. So manche Hoffnung weicht der Resignation, weil einen irgendwann die Kräfte verlassen. Der Hebräerbrief verheißt uns eine Hoffnung, die nicht wie ein Schiff hinter dem Horizont verschwindet, denn sie kommt von außerhalb unserer selbst. Unsere Seelen sind in der Ewigkeit Gottes verankert und nicht in dieser Welt. Deshalb sehen wir hinter den Horizont. Sie ist keine Trennlinie, sondern nur eine Sichtlinie und unser Glaube erlaubt uns, weiter zu blicken. Dorthin, wo das scheinbar verschwundene Schiff weiter auf den Hafen zusteuert, seinem rettenden Ziel entgegen.