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Sehnsucht

Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann (Offenbarung 21,2).

Dieser Vers ist ein Sehnsuchtsbild, das die meisten Menschen in sich tragen. Ein Ort der Harmonie, dem das Chaos des Alltags nichts anhaben kann und die Konflikte sich auflösen in inneren und äußeren Frieden. Ein heiliger Ort, der plötzlich erscheint aus einer überirdischen Sphäre und herabkommt in unsere Wirklichkeit.

Diese Sehnsucht versuchen sich manche zu schaffen, indem sie nach dem Prinzip: „My home is my castle“ ein heimatliches Refugium aufbauen. Ein schönes Eigenheim mit wohl gepflegtem Vorgarten. Eine Insel der Ruhe und Sicherheit inmitten einer Welt voller Chaos und Unsicherheit. Leider kann man nur solange in Frieden leben, wie es dem bösen Nachbarn gefällt, und man die Kreditraten bei der Bank abzahlen kann.

Genau das will die Offenbarung des Johannes deutlich machen: Immer wieder treten wir ein in den Kreislauf des Leids, der Gewalt und Not. Der Glaube bietet einen Ausweg. Will man die Offenbarung allein historisch verstehen als Chronik kommender Ereignisse, bleibt sie ein Buch mit sieben Siegeln. Soll man sich fürchten vor den apokalyptischen Reitern und freuen, wenn man das Glück hat, zu den wenigen Auserwählten zu gehören, die überleben werden? Verständlicher werden die Bilder, wenn man sie mit dem eigenen Leben verbindet, mit der eigenen Seele. Da gibt es die innere Stimme, die mit Macht gebietet, obwohl man doch etwas ganz anderes will. Man weiß nicht mehr, was richtig ist und was falsch. Die eigene Seele erscheint einem zerrissen und das Leben ständig bedroht, wie die Bilder, die uns in der Offenbarung vor Augen gemalt werden. Wer mag schon sagen, daß der innere Zustand weniger schlimm sein kann, als alle äußerlichen Katastrophen?

Vielleicht ist das gemeint, wenn das Lamm Gottes, der Löwe Judas dieses Buch als Einziger aufschließen kann. Genau das hat Jesus von Nazareth immer wieder getan. Da kann ein Mensch seinen Weg und eine Zukunft für sein Leben wieder sehen, als er berührt wurde von seinen heilenden Händen. Ein wahrhaft zerrissener Mensch, der in seiner Wut, Ohnmacht und Verzweiflung sogar die von wohl meinenden Menschen angelegten Fesseln zerreißt, findet unter den wohl tuenden Worten des Einen wieder zu sich selbst zurück.

Ist das nicht die Sehnsucht, die wir alle teilen, die Hoffnung unseres Glaubens? Daß die Zerrissenheit, das Chaos und das Leid – innerlich wie äußerlich endlich ein Ende findet?

Sie findet ein Ende. So lautet die Botschaft dieses Verses. Und das ist die Botschaft des Evangeliums. Es gibt diesen heiligen Ort, an dem wir zur Ruhe kommen und endlich Frieden finden. Jesus von Nazareth hat uns den Weg dorthin gezeigt. Und dieser Vers tut es auch.