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Gerechtigkeit

Der libanesische Dichter und Philosoph Khalil Gibran schreibt: „Ein Mann tötet einen anderen, und die Menschen bezeichnen ihn als Mörder, doch wenn es der Emir ist, der ihn daraufhin töten lässt, nennt man ihn einen gerechten Richter.“

Was ist gerecht? Oft ist es eine Frage der Macht, was als gerecht erklärt wird. So ist es zur Zeit des Propheten Hosea, der die Ungerechtigkeit anprangert und erklärt:

Säet Gerechtigkeit und erntet nach dem Maße der Liebe! Pflüget ein Neues, solange es Zeit ist, den HERRN zu suchen, bis er kommt und Gerechtigkeit über euch regnen lässt! (Hosea 10,12)

Die Frage nach der Gerechtigkeit ist nicht allein die Frage, wer zu seinem Recht kommt. Sie betrifft unser gesellschaftliches Leben. Schon Johannes der Täufer rief die Menschen zur Buße und Umkehr auf. Er war der Meinung, daß ein reinigendes Bad im Wasser des Jordan alle Bosheit und Ungerechtigkeit abwaschen und man neu anfangen könnte mit einem gerechten Leben.

Jesus von Nazareth muß von dieser Idee sehr angetan gewesen sein, weil er sich selbst von Johannes taufen ließ. Trotzdem ging ihm Johannes nicht weit genug. Das Problem liegt tiefer. Mit den besten Absichten steigt man aus dem Wasser des Jordan, von jetzt an alles besser zu machen. Doch da bietet jemand 30 Silberlinge und man wird wieder schwach. Das Karussell beginnt sich von neuem zu drehen, bis es wieder die gleiche Geschwindigkeit hat wie vorher.

Unser Text sagt: „Pflüget ein Neues.“ Es braucht einen ganz neuen Ansatz. Vielleicht hatte Jesus diesen Vers im Hinterkopf, als er begann, Jünger um sich zu sammeln und zu verkünden, das Himmelreich sei nahe herbeigekommen. Jesus meint damit, daß wir nichts zu verlieren haben, sondern ganz viel zu gewinnen. Das gute Leben, das Gott uns schenken will, ist zum Greifen nahe. Wenn wir nur aufhörten, unser Leben abzusichern, dann könnten wir beginnen, es zu leben. Dazu braucht es gar nicht so viel. Nur den Mut, zu glauben, was auch Hosea andeutet: Der Herr kommt und läßt Gerechtigkeit über uns regnen. Anders gesagt: Er wird uns das geben, was wir zum Leben brauchen.

Ein aktuelles Thema, angesichts der Tatsache, daß sich der materielle Reichtum dieser Tage in so wenigen Händen ballt, wie nie zuvor in der Geschichte. Selbst der legendäre römische Patrizier Marcus Licinius Crassus würde vor Neid erblassen. Hosea sagt, wer Gerechtigkeit sät, könnte nach dem Maß der Liebe ernten. Gerechtigkeit hat etwas mit Liebe zu tun. So hat es jedenfalls Jesus verstanden, wenn er von Vergebung der Schuld redet. Wir könnten das Vaterunser buchstäblich nehmen und den Menschen ihre Schulden erlassen, die sie bei uns haben. Nicht nur die „geistigen“, sondern auch die materiellen. Überall dort, wo wir anderen Menschen das Leben ermöglichen, statt es ihnen zu rauben, wird das Himmelreich sichtbar. Das Himmelreich und die Gerechtigkeit haben nicht nur privaten Charakter. Sie haben eine gesellschaftliche Dimension.

Sät Gerechtigkeit und erntet nach dem Maße der Liebe. Pflüget ein Neues. Es ist an der Zeit.